„Für Oberbürgermeister gibt es ja kein Praktikum“

Dr. Rico Badenschier im Gespräch

Deutschland befindet sich in einem Wirtschafts- und Bau-Boom. Überall wird gewerkelt, neue Firmen-Standorte entstehen, neue Eigenheime ohnehin und auch die Straßen werden überall erneuert. Anscheinend alle zeitglich, ob vom Kap Arkona bis zum Bayrischen Wald, was nicht gerade zur sommerlichen Belustigung der Autofahrerinnen und -fahrer beiträgt. Baustellen zum Sommerbeginn gibt es auch in der Landeshauptstadt M-V zuhauf. Dazu haben wir einmal bei Schwerins Verwaltungschef nachgefragt.

Interview

Rico Badenschier © Timm Allrich

Oberbürgermeister, Dr. Rico Badenschier, über die wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Entwicklung Schwerins, seinen Start als OB, die vielen Baustellen zur Sommerzeit, die Polizeipräsenz am Marienplatz und Schwerins Weg zum Kulturerbe

 

Frage: Die offiziellen Statistiken stimmen, blickt man „hinter die Kulissen“, hinterfragt man die Zahlen, ob zum Arbeitsmarkt, zur wirtschaftlichen Entwicklung, zur Entwicklung in der EU sieht das „Ganze“ schon deutlich anders aus… Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche und „arbeitsmarkttechnische“ Situation Schwerins in den letzten Monaten?

Rico Badenschier: Es geht bergauf. Die Konjunktur boomt. Überall wird gebaut und restauriert. Wie gut die Lage ist kann man daran erkennen, wie schwierig es oft ist, einen kurzfristigen Termin bei einem Handwerker zu bekommen. Im Industriepark Schwerin haben sich weitere neue Firmen wie die ZIM Flugzeugsitze und der Medizintechnikhersteller Ypsomed angesiedelt. Zwar liegt die Arbeitslosigkeit in unserer Stadt noch bei neun Prozent, aber die Nachfrage nach Fachkräften nimmt weiter zu.

Frage: Sie sind noch immer ein frischer OB… Sind Sie inzwischen im Amte „so richtig“ angekommen? Was waren die bisher größten Herausforderungen in den letzten Wochen für Sie?

Rico Badenschier: Ich spüre mit jedem Tag, dass die Schonfrist abläuft. Gleichzeitig lernt man in diesem sehr fordernden Amt jeden Tag dazu. Aber es ist auch so, dass man als Stadtoberhaupt schon mindestens ein Jahr braucht, um richtig angekommen zu sein. Für Oberbürgermeister gibt es ja kein Praktikum. Man steht ab der Wahl voll in der Verantwortung und der Handlungsbedarf in einer Stadt von der Größe Schwerins ist groß. Da ist zum einen die Kommunalpolitik, in der es Mehrheiten für die Lösung städtischer Probleme zu organisieren gilt, und zum anderen die Landespolitik, ohne die viele städtische Vorhaben nicht realisierbar sind.

Eine ganz besondere Herausforderung ist es für mich, der Chef von mehr als 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sein. Als Chef der Verwaltung bin ich z.B. auch für deren Anliegen und Bedürfnisse da und muss eine ebenso effiziente wie bürgerfreundliche Verwaltung organisieren.

Und dann sind da noch die vielen Repräsentationstermine. Diese Termine sind wichtig, weil es um die Außendarstellung Schwerins geht und um die Wertschätzung von Menschen, Vereinen, Institutionen und Firmen, die etwas vollbracht haben, das es zu würdigen gilt.

Frage: Schwerin bietet gerade im Sommer Kultur und Sport nonstop, ob Schloss-Triathlon, Schloss-Schwimmen bzw. Fünf-Seen-Lauf oder Sommer-Theater im Hofbereich des E-Werkes, Schlossfestspiele und Sommer-Konzerte… Wie beurteilen Sie Schwerin als „Sport- und Kultur-Stadt“?

Rico Badenschier: Die Bezeichnung „Sport- und Kulturstadt“ hat Schwerin wirklich verdient. Schwerin hat einen außerordentlich entwickelten Breitensport. Es gibt zahlreiche traditionsreiche Sportveranstaltungen, sowohl in den olympischen als auch in den nichtolympischen Sportarten.

Und was man gar nicht oft genug betonen kann: Wir sind dank des Schweriner SC wieder Deutscher Meister im Frauen-Volleyballsport. Letztendlich haben wir mit dem SSC-Volleyball-Team die einzige Erstliga-Mannschaft in einer Ballsportart in MV. Dazu ist Schwerin Standort eines Olympiastützpunktes und kann auf eine große sportliche Tradition verweisen.

Ähnliches gilt für die Kultur. So ist in unserer Stadt bekanntlich das drittälteste Orchester Deutschlands beheimatet. Schwerin bietet ein umfangreiches kulturelles Angebot, das von der Hochkultur über die musische und kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen bis zu privaten Kulturinitiativen auf Ehrenamtsbasis reicht.

Die Schlossfestspiele sind seit 1993 ein wichtiges Markenzeichen für Schwerin. Unser umfangreiches ganzjähriges Veranstaltungsangebot bedient alle Genres und reicht von Großereignissen bis zu kleinen Formen und Formaten. Rund 180.000 Besucherinnen und Besucher pro Spielzeit zeugen von der ungebrochenen künstlerischen Stärke und Popularität unseres Mecklenburgischen Staatstheaters, das bundesweit zu den erfolgreichsten Häusern zählt.

Deshalb freue ich mich, dass es gemeinsam mit dem Land gelungen ist, eine neue und tragfähige Struktur für das Mecklenburgische Staatstheater zu schaffen. Vom Stadttheater zum echten Staatstheater – das Mehrspartenhaus mit einer Mehrheitsbeteiligung des Landes strahlt in die gesamte Region Westmecklenburg aus.

Frage: Wie ist Ihre Meinung zur allgemeinen, aktuellen Entwicklung der Stadt zwischen Dauer-Baustellen (zu fragwürdigen Baumaßnahmen à la Wittenburger Berg), ewiger Polizei-Präsenz am Marienplatz und kulturellen Leuchttürmen?

Rico Badenschier: Ich denke, wir werden auch dank der vielen sportlichen und kulturellen Höhepunkte einen guten Schweriner Sommer erleben! Natürlich bedeuten Bau-Maßnahmen an der Infrastruktur auch immer Belastungen für die Anwohner und Nutzer, die aber hinterher auch die Vorteile genießen werden. Sowohl die Bauarbeiten am Wittenburger Berg, am Bürgermeister-Bade-Platz als auch an der Arsenalstrasse mussten durchgeführt werden.

Wären diese nicht zeitgleich erfolgt, hätte es verkehrstechnische Behinderungen an anderer Stelle gegeben. Zudem lag es nahe, das Südufer Pfaffenteich im Windschatten der Sanierungsarbeiten der Sparkasse durchzuführen, denn durch die Sanierung des alten Sparkassengebäudes war die Arsenalstraße ohnehin unterhalb der Wismarschen Straße vollgesperrt.

Die Anwohner und Geschäfte am Wittenburger Berg hatten die Hauptlast zu tragen. Da fühle ich natürlich mit. Glücklicherweise können wir die Bauarbeiten dort sogar 14 Tage früher beenden. Am Freitag (14.7.) wird es zum Bau-Abschluss noch ein Fest geben. Als kleine Entschädigung. Auch die Baumaßnahme Arsenalstrasse wird fristgerecht fertig. Es gibt also keine baulichen Beeinträchtigungen zum Drachenbootfestival.

Was die Polizeipräsenz betrifft: Nach den Ereignissen vor einem dreiviertel Jahr mussten wir ganz einfach handeln. Wir konnten durch die Polizeipräsenz das Sicherheitsgefühl vieler Bürgerinnen und Bürger wieder herstellen. Sie ist zudem auch eine wichtige präventive Maßnahme, um kriminelles Verhalten zeitnah zu unterbinden bzw. zu ahnden. Natürlich kann man darüber streiten, ob eine dauerhafte Polizei-Präsenz und Video-Überwachung am Marienplatz die optimale Lösung sind. Ich denke, dass es immer ein Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit geben wird. Fest steht jedenfalls: Ohne Sicherheit gibt es nun einmal auch keine Freiheit.

Letzte Frage: Welche Ziele möchten Sie in Ihrer Amtszeit unbedingt realisieren?

Rico Badenschier: An erster Stelle steht für mich ein ausgeglichener Haushalt, damit Schwerin wieder handlungsfähig wird. Toll wäre, wenn wir die 100.000-Einwohner-Marke wieder knacken. Und natürlich möchte ich auch den Weltkulturerbe-Prozess erfolgreich begleiten! Im Herbst trifft sich der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) zu seiner Jahrestagung in Schwerin. Unsere Bewerbung nimmt damit richtig Fahrt auf. Die direkte Bahnverbindung von Schwerin nach Kopenhagen hebe ich mir für die zweite Amtszeit auf.

 

Vielen Dank!

Marko Michels

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