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Interview mit der mecklenburgischen Bundestagsabgeordneten Karin Strenz
  • 8. Januar 2010   Print This Post
  • „Angela Merkel geht es ein bisschen wie Michael Ballack … !“
    2010 könnte ein schwieriges Jahr werden. Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist längst noch nicht überwunden, die Kurzarbeiter-Regelungen laufen aus, was den Arbeitsmarkt zusätzlich belasten dürfte, und auch die Staatsfinanzen bereiten Sorgen. Alles Grund zum Pessimismus oder gibt es nicht doch “ein paar Funken Hoffnung” …

    Nachgefragt bei der Bundestagsabgeordneten Karin Strenz aus M-V

    Karin StrenzFrage: Frau Strenz, das neue Jahr ist noch jung und frisch … Erst einmal auch für Sie alles erdenklich Gute für 2010, maximale Erfolge in Politik und im Privaten und vor allem Gesundheit. Was erhoffen Sie sich politisch und wirtschaftlich von 2010 – für Deutschland und Mecklenburg-Vorpommern?

    Karin Strenz:
    Vor allem wünsche ich mir natürlich, dass wir die Folgen der weltweiten Krise abfedern und eine positive Stimmung schaffen. Auch jemand, der gerade von Kurzarbeit betroffen ist oder sogar seinen Job verloren hat, muss eine Perspektive erkennen. Ich bin optimistisch, dass auch die Mecklenburger und Vorpommern vom Aufschwung profitieren werden. Politisch wünsche ich mir, dass der eine oder andere meiner Kollegen im Bundestag die besinnlichen Tage zum Jahreswechsel genutzt hat, um innere Ruhe zu finden. Manche Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition war wohl doch ein Ergebnis erhöhten Blutdrucks.

    Besuch der Truppe in AfghanistanFrage: Sie gehören u.a. dem Verteidigungsausschuss an. Engagiert sind Sie auch beim Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der „Kunduz-Affäre“.  Das Thema „Bundeswehr in Afghanistan“ beherrscht zurzeit die medialen Schlagzeilen und die „Gemüter“ des Volkes. Sie selbst waren zu Weihnachten in Masar-e-Sharif. Wie ist die Stimmung in der Truppe?

    Karin Strenz: Die Truppe, Soldaten genauso wie Kommandeure, ist im Augenblick verunsichert. Niemand weiß genau, wie er sich angesichts der ungenauen Rechtslage verhalten soll. Alle, mit denen ich gesprochen habe, wünschen sich eine klare Ansage aus Berlin, politischen Rückhalt des gesamten Bundestages und die Unterstützung des Volkes. Wie immer man zum Afghanistan-Einsatz steht: Niemand sollte vergessen. dass unsere Soldaten täglich ihr Leben und ihre Gesundheit riskieren – vor allem, damit wir in Deutschland sicher leben können.

    Besuch der Truppe in AfghanistanFrage: Wie sind die Verhältnisse vor Ort in Afghanistan?

    Karin Strenz:
    Ich habe die Polizeistation in Kundus besucht, die regelmäßig unter Beschuss steht. Dort herrschen äußerst spartanische Verhältnisse, nur Stein, Staub und Kiesel. Und die deutschen Soldaten dort versuchen, die unmittelbare Umgebung zu befrieden, damit humanitärer Aufbau überhaupt möglich ist. Dies ist ein dauerndes Katz-und-Maus-Spiel mit den Taliban, oft ernüchternd und frustrierend, weil am Tag nach einem Erfolg schon der Rückschlag kommt. Es gibt eine permanente Bedrohung. Die Soldaten dürfen niemandem trauen. Sie haben erlebt, und zwar nicht nur einmal, dass der Mann auf dem Esel, der eine Hacke bei sich hat, im nächsten Moment eine Waffe zieht. Und trotz alledem verlieren die Jungs nicht den Lebensmut und entwickeln sogar einen speziellen Humor. Einige haben mir erzählt: „Wir haben Haustiere, und zwar Schildkröten, die passen nämlich sehr gut zu uns – sind ja auch gepanzert. Allerdings sind die Schildkröten klar im Vorteil bei einem Angriff: Sie können nämlich den Kopf einziehen.“

    Frage:
    Und: Wie ist nun der Stand der Erkenntnisgewinnung im Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der „Kunduz-Affäre“ ?

    Karin Strenz:
    Der Ausschuss hat sich konstituiert, es liegen auch die ersten Anträge vor, um die Luftangriffe aufzuklären. Wir wollen wissen, was in der Nacht geschehen ist, und brauchen für vergleichbare Situationen in Zukunft unbedingt Rechtssicherheit. Meine Fraktion erwartet allerdings, dass es um die Sache geht und der Untersuchungsausschuss nicht missbraucht wird, um integere Personen aus Politik, Gesellschaft und Militär zu beschädigen. Ich kämpfe mich gerade durch die Aktenberge.

    Frage: Der Verteidigungsausschuss ist nur ein „politisches Kampfgebiet“ für Sie. Sie sind außerdem Mitglied des Sportausschusses. Was müssen Sie dort tun?

    Karin Strenz:
    Der Sportausschuss ist mit seinen 18 Mitgliedern relativ klein, genießt aber fast die größte öffentliche Aufmerksamkeit. Das liegt auch daran, dass die Sitzungen fast immer öffentlich sind; jeder Bürger kann sich also ein eigenes Bild von unserer Arbeit machen. Wir beraten und diskutieren den Sport in seiner ganzen Vielfalt, wir befassen uns mit seiner Faszination, die etwa von Olympischen Spielen ausgeht, aber auch mit seinen dunklen Seiten, dem Betrug, dem Doping, dem Fußball-Wettskandal oder dem Urteil im Fall Claudia Pechstein. Letztlich entscheiden wir auch, wie der Bund den deutschen Sport fördert. Ich will mich dafür stark machen, dass der Breitensport nicht vergessen wird. Wir dürfen nicht vergessen: In Mecklenburg-Vorpommern treiben mehr als 220.000 Kinder und Erwachsene in Vereinen Sport. Um die Dimensionen zu erkennen, empfehle ich jedem einen Blick auf unsere Parteien. Die fünf großen Parteien erreichen in MV nicht mal ein Zehntel der Stärke – zusammengenommen.

    Maria Riesch, die alpine Goldhoffnung für Deutschland bei den Olympischen Winterspielen 2010Frage:
    In knapp einem Monat beginnen die Olympischen Winterspiele im Februar, gefolgt von den Paralympischen Winterspielen im März, jeweils in Vancouver und in Whistler. Was erhoffen Sie sich von den deutschen Olympioniken und Paralympioniken bei den Winterspielen 2010?

     Short Trackerin Aika Klein/ESV Turbine Rostock, die einzige Olympionikin 2010 aus MVKarin Strenz: Ich wünsche mir vor allem saubere Spiele und Wettkämpfe – auch wenn sich dieser Wunsch wahrscheinlich nicht erfüllen dürfte. Ich würde mir auch wünschen, dass wir nach diesen zwei sportlichen Großereignissen wüssten, im Kampf gegen Doping ein Stück vorangekommen zu sein. Was ich nicht möchte, ist, dass wir den Zweitplatzierten zum ersten Verlierer machen. Der Sieg ist nicht alles – auch wenn Medien, Zuschauer, Sponsoren und leider auch die Politik oft nur Gewinner beachten. Im Zweifel ist mir ein fünfter Platz im Langlauf, der ehrlich zustande gekommen ist, lieber als der Olympiasieg eines Gedopten. Und seien wir ehrlich: Selbst ein sechster oder siebter Rang bei Olympia, Paralympics oder auch einer Weltmeisterschaft ist ein Spitzenresultat. Nur müssen wir das auch anerkennen. Da ist sicher auch die Politik in der Pflicht. Wir dürfen die Sportförderung nicht nur von Medaillen abhängig machen und nicht gleich kürzen, wenn Erfolge mal ausbleiben. Der Druck auf die Athleten ist ohnehin schon gewaltig.

    Verena Bentele, eine der erfolgreichsten Nordischen Skisportlerinnen und Biathletinnen bei den Winter-Paralympics der jüngeren VergangenheitFrage: Welchen Stellenwert haben aus Ihrer Sicht die Paralympics für Sportler mit Handicaps?

    Karin Strenz: Die Paralympics stehen etwas im Schatten der Olympischen Spiele, vor allem, was das Interesse des Publikums und die Berichterstattung der Medien betrifft. Ich finde das schade, fürchte aber, dass sich daran so bald nichts ändern wird. Die Politik ist da immerhin schon ein Stück weiter und behandelt beide Ereignisse gleich. Zwei Delegationen des Sportausschusses reisen zu den Olympischen Spielen und zu den Paralympics – und zwar jeweils mit sieben Abgeordneten. Ich bin gespannt, was mir meine Kollegen aus Vancouver berichten werden.

    Frage:
    Aktuell gibt es einigen Zwist in der Koalition. Die Steuersenkungspolitik bleibt ein Streitthema. Nun fordert die CSU auch einen eigenen Vize-Kanzler?

    Karin Strenz: Die CSU braucht keinen Vizekanzler, weil Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eine der herausragenden Figuren des Kabinetts ist, die auch ohne weiteren Titel manch anderen wichtigen Kollegen, auch der FDP übrigens, überstrahlt. Im Übrigen empfehle ich einen Blick in unser Grundgesetz, Artikel 69, Absatz 1: „Der Bundeskanzler ernennt einen Bundesminister zu seinem Stellvertreter.“

    Bundeskanzlerin Dr.Angela Merkel mit dem Landtagsabgeordneten Marc Reinhardt aus MV im Gespräch Frage:
    CDU, CSU und FDP sind im Jahr der Fußball-WM noch immer kein eingespieltes Team … Müsste die Mannschaftskapitänin, die Bundeskanzlerin, die Akteure nicht allmählich zur Räson bringen?

    Karin Strenz: Es ergeht Angela Merkel ein bisschen wie Michael Ballack, dem auch oft vorgeworfen wird, er sei kein Führungsspieler. Dabei ist er unverzichtbar für die Nationalmannschaft. Und Merkel hat 2009 bewiesen, wie gut sie führen kann, und den Deutschen souverän und vor allem unaufgeregt den Weg aus der Krise gewiesen. Dass man von ihr so oft Härte verlangt, hat sicher damit zu tun, dass Merkels besonnene Art eher untypisch für die Politik ist. Man sollte das jedoch nicht mit Schwäche verwechseln. Mancher Politiker hält sich für führungsstark, weil er schon frühmorgens lauthals kräht wie ein Hahn – allerdings nicht auf dem Mist, sondern im Radio. Im Übrigen kann ich mich nicht erinnern, dass einer Regierung jemals ein Traumstart bescheinigt worden wäre.

    Die maritime Wirtschaft in MV - noch mit Zukunft ?!Frage:
    Übrigens … 2010 feiert die deutsche Einheit den 20. Geburtstag, entstanden die „jungen fünf Bundesländer“. Wo haben Sie den 3. Oktober 1990 verbracht?

    Karin Strenz: Ich habe damals schon in Maiental-Hochstadt gelebt und im Café „Zeitlos“ gejobbt, einem so genannten Vollwert-Café übrigens, so etwas kannte ich überhaupt nicht. Ich, die Mecklenburgerin, unter lauter Hessen, fand alles ungeheuer spannend. Um mich herum wurde pausenlos gebabbelt. Die Wiedervereinigung habe ich dann gemeinsam mit neuen Freunden und Bekannten in Frankfurt gefeiert.

    Frage:
    Am 31.Dezember 2010: Wo stehen Deutschland und Mecklenburg-Vorpommern dann ?

    Karin Strenz:
    Soll ich auch gleich noch die Lotto-Zahlen der nächsten Woche verraten? Dann muss ich mal schnell in meine Glaskugel schauen. Nein, ich bin keine Hellseherin, und ich habe auch gelernt, dass Prognosen schwierig sind. Wir sind ja nicht allein auf der Welt, sondern Teil eines internationalen Wirtschaftssystems, dessen Märkte eng miteinander verflochten sind. Unser Wohlergehen hängt eben auch davon ab, was um uns herum geschieht und ob die Konjunktur weltweit anzieht. Ich glaube allerdings, dass wir am 31. Dezember 2010 zuversichtlich Silvester feiern können. In jedem Fall sollten wir vertrauen, vertrauen in die eigene Kraft. Wir sind leistungsstark. Wir vertrauen kann, lebt angenehmer.

    Vielen Dank und maximale Erfolge 2010 !

    Die Fragen stellte: Marko Michels.

    Porträtfoto K.Strenz Aufnahme: Karin Strenz/privat
    Foto zum Besuch der Truppe in Afghanistan: Karin Strenz/privat
    Foto zum Besuch der Truppe in Afghanistan: Karin Strenz/privat
    Foto Maria Riesch: mit freundlicher Genehmigung von milka
    Foto Aika Klein: mit freundlicher Genehmigung der DKB
    Foto Verena Bentele: mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Behindertensportverbandes
    Foto Dr.Angela Merkel und Marc Reinhardt: Marc Reinhardt/privat
    Foto zur maritimen Wirtschaft in MV: Michels

    Tags: Karin Strenz, Kunduz-Affäre



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