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Zwischen Schweriner Bühne und weltmeisterlichem Fußballrasen
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  • 2. Juli 2010   Print This Post
  • Die Mezzosopranistin Sarah van der Kemp über ihre Rolle als “Prezziosilla” in Verdis “Macht des Schicksals” bei den Schweriner Schlossfestspielen 2010, die Fußball-WM 2010 und ihre künstlerischen Ambitionen.

    Schlossfestspiele Schwerin 2010 - Die Macht des SchicksalsDie Schweriner Schlossfestspiele 2010 locken seit 25. Juni ein zahlreiches und interessiertes Publikum zur Bühne auf dem Alten Garten – neben Staatstheater, Staatsmuseum und Schloss. Mittendrin statt nur dabei ist auch Sarah van der Kemp, die Mezzosopranistin, die in Berlin geboren wurde und schon seit einigen Jahren eine „feste Größe“ im Schweriner Theater-Ensemble ist. Sie spielt die „Preziosilla“ in Verdis „Macht des Schicksals“ in der Landeshauptstadt M-V – und das während der 19. Fußball-WM…

    Ein fußballsportlich-theatralisches Interview

    “Glaubt man an das Schicksal, ist davon ja auch der Fußball betroffen…”

    Frage: Frau van der Kemp, was ist für Sie größer: Die „Macht des weltmeisterlichen Fußballs“ oder die „Macht des Schicksals“?

    Sarah van der KempSarah van der Kemp:
    Glaubt man an das Schicksal, ist davon ja auch der Fußball betroffen. Wenn Sie Fußball oder Oper meinen, ist das für mich natürlich die Oper. Schließlich ist der Operngesang mein Beruf und meine Leidenschaft. Aber die Faszination des Fußballs bestätigt das weltweite Interesse.

    Frage: Wenn Sie wählen könnten: Für wen würden Sie sich entscheiden – für Giuseppe Verdi oder für den unglücklichen italienischen Ex-Fußball-Trainer Marcello Lippi?

    Sarah van der Kemp: Verdi ist tot, Herr Lippi hat gerade eine herbe Niederlage erlitten. Ich fühle mich natürlich Verdi vielmehr verbunden.

    Frage: Bei der Fußball-WM geht es wie in Verdis Oper um „Glück“ und „Unglück“. Die einen erhalten kein „Vuvuzela-Tor“, die anderen sind
    unglücklich verliebt. „Glück“ und „Unglück“ – sind das auch Kategorien, die Ihr Leben bestimmen oder prägen?

    Sarah van der Kemp: Ich denke, dass Glück und Unglück jeden Menschen prägen – und natürlich auch mich. Es gibt für mich den Unterschied zwischen einem momentanen Glücksgefühl und anhaltender Glückseligkeit. Wenn Sie das mit dem Fussballspiel vergleichen, ist ein geglückter Elf-Meter ersteres: der Spieler hat in die Ecke gezielt, in die der Torwart nicht gesprungen ist. Glück gehabt! Ein anhaltendes Glück wird vielleicht durch einen glücklichen Zufall ausgelöst, verhilft dann aber zu einer glücklichen Schicksalswende, die andauern kann. Kommt darauf an, was man dann daraus macht.

    Frage:
    Der alte Engels meinte einmal „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Wer also „Glück“ haben will, muß es erzwingen, hart dafür arbeiten und kämpfen. Ist das wirklich so?! Ihr Erfolg als Sängerin – eher ein Produkt Ihres begnadeten Talentes oder doch auch enorme Arbeit?

    Sarah van der Kemp: Ich hatte das Glück, dass ich mit musikalischem Talent in eine Familie geboren wurde, die dieses gefördert hat und mir ermöglichte, meine Leidenschaft Musik als Beruf ausüben zu dürfen. Aber dieses Geschenk auf ein Niveau zu bringen, was mich selbst, und damit hoffentlich auch andere zufrieden stellt, ist harte Arbeit. Im Übrigen ist das Schöne an der Arbeit, dass man eigentlich nie recht zum Ziel kommt. Es ist immer nur eine Annäherung an Perfektion. Und das Gefühl mit meiner Musik wirklich zufrieden zu sein, oder zu sagen “das war jetzt perfekt”, hatte ich noch nie. Wenn man glaubt, dass man schlauer ist und mehr Reichtum in sich trägt, als die Musik zu bieten hat, ist das dumme Eitelkeit für mich. Außerdem sind es nicht nur die täglichen stimmlichen Übungen und das Erlernen neuer Partien, die dazu gehören. Es ist ein Beruf, der einen 24-Stunden-Tag erfordert… Für mich stellt sich auch immer die Frage, wie ich das Singen, und damit die Interpretation der Musik und der Handlung, „lebe“. Je mehr Erfahrungen ich im Leben mache, desto besser kann ich mich in eine Rolle auf der Opern-Bühne hineinversetzen. Manchmal lerne ich von der Musik für das Leben, manchmal lerne ich im Leben für die Musik. Diese Verbindung und Wechselwirkung hat eine enorme Kraft und Faszination für mich.

    Frage: Die Südamerikaner und Deutschland sowie die Niederlande dominierten die Fußball-WM. Sie haben auch – künstlerisch bedingt – besondere Beziehungen zu Südamerika. Wie kamen diese zustande?

    Sarah van der Kemp: Während des Studiums habe ich mich oft gefragt, was eigentlich die die Aufgabe von Musik oder ganz allgemein Kunst ist. Für mich spielt eine wichtige Rolle, dass sie auch immer ein Spiegel der Zeit und der Gesellschaft darstellt. Da muss man bloß in die Geschichte zurück blicken: Während der Aufklärung hat Mozart die Zauberflöte auf deutsch und nicht wie üblich auf italienisch geschrieben, damit sie jeder versteht. Und heute? Auf den Spielplänen stehen in der Hauptsache Opern, die vor mehreren hundert Jahren geschrieben wurden. Carmen ist ein Meisterwerk, aber wozu heute ständig Konserven spielen? Wieso erobern sich lebende Komponisten gegenwärtig nicht die Opernbühnen? Warum gibt es diese Abspaltung? Warum setzt sich die aktuell geschriebene Opernmusik nicht durch? Deshalb war ich neugierig auf das zeitgenössische Musiktheater und traf einen Komponisten, der in Südamerika seine Stücke aufgeführt hat. Ich habe dann einige Tourneen mit ihm in südamerikanischen Theatern gesungen. Wir kamen auch in Kontakt mit einheimischen Musikern, die einen ganz anderen Zugang zu ihrer Musik haben. Natürlicher und direkter, würde ich sagen. Machen und weniger denken. Aber dabei muss man auch berücksichtigen, dass diese Musik überhaupt sehr unterschiedlich zu der europäischen aufgebaut ist. Ich habe sehr viel von den südamerikanischen Kollegen gelernt.

    Und zurück zu meinen anfänglichen Fragen: Ich habe für mich festgestellt, dass die moderne Oper meine Ansprüche meist nicht befriedigt. – Ausnahmen bestätigen die Regel! – Oft zu intellektuell und zu wenig sinnliche Momente. Ich bleibe so lange bei Carmen, bis die zeitgenössische Musik eine neue Richtung einschlägt… Mich sprechen die alten Meisterwerke heute in vielem mehr an und sind „aktueller“ für mich. Aber dieses Thema führt jetzt vielleicht etwas zu weit…

    Frage: Ihr Einsatz bei den Schlossfestspielen erfordert volle Hingabe. Sind Sie zum Ausgleich sportlich aktiv? Sogar mit Fußball spielen?

    Sarah van der Kemp: Fußball ist was für Männer! Die körperliche Ausdauer und Schnelligkeit, eine gewisse Brutalität…  Frauenfußball langweilt mich zu Tode. Aber ich gehe joggen. Man muss als Sänger sehr gut auf seine körperliche Verfassung achten.

    Frage: Sie sind die „Preziosilla“ im „Macht des Schicksals“. Würden Sie – wie Philipp Lahm in der DFB-Elf – gern eine noch tragendere Rolle spielen wollen?

    Die Macht des Schicksals ''La forza del destino''Sarah van der Kemp: Ja, natürlich! Es kommt ja nicht immer auf die Länge der Partie oder die Anzahl der Arien an. Was mich an einer Partie reizt, ist die innere Entwicklung einer Opernrolle zum Ausdruck zu bringen. Preziosilla steht ja eigentlich mit niemanden in menschlicher Beziehung. Bei jedem Auftritt ruft sie zum Krieg auf. Es gibt keine Entwicklung der Person in der Oper. Sie ist ehr eine symbolische Figur. Da hat man zum Beispiel mit der Partie der Leonora in der “Macht des Schicksals” ganz anderen Aufgaben. Sie verliebt sich in den standesmäßig „falschen“ Mann und daraus ergibt sich ein unglückliches Schicksal. Dieser Konflikt – sagen wir zwischen Liebe und Ehre – bestimmt im Verlauf der Oper ihre innere Entwicklung. Solche Herausforderungen interessieren mich grundsätzlich mehr. Aber nicht jede Rolle passt auch zur Stimme. Ich bin Mezzosopranistin, Leonora ist für Sopran geschrieben. Was bringt es mir eine Leonora zu singen, wenn ich stimmlich nicht die Voraussetzungen habe?

    Frage: Wie würden Sie einen überzeugten Fußball-Fan, der mit Kultur nichts „an den Spikes hat“ vom Besuch der diesjährigen Schlossfestspiele in Schwerin überzeugen?

    Sarah van der Kemp: Das ist schwer in fünf Minuten! Ich kann nur sagen: Schaut es euch an. Oper – meist geht es um Extrem-Erfahrungen zwischen Liebe und Tod – findet jeder in seiner eigenen Biographie. Und Dinge, die eine Beziehung zu einem selbst haben, findet man doch immer spannend und ansprechend. Außerdem berührt Musik als Sprache alle Sinne des Menschen. Sie ist eine universelle Sprache, die jeder verstehen kann. Die musikalischen Ausdrucksmittel des jeweiligen Komponisten sind dann allerdings oft Geschmackssache.

    Frage:
    Verdis Oper „Macht des Schicksals“ ist seit fast 150 Jahren ein Erfolg. Die Erfolgsgeschichte des Fußballsportes ist sogar viel, viel länger. Wer wird aus Ihrer Sicht neuer Fußball-Weltmeister? Deutschland, Uruguay, Argentinien, oder sogar die Niederlande? (Ihr Name klingt ja „etwas“ holländisch…)

    Sarah van der Kemp: Ich habe diese Fußball-Weltmeisterschaft wegen der Schlossfestspiele nur am Rande verfolgen können. Sehr parteiisch bin ich nicht. Es sollen die gewinnen, die den interessantesten Fußball spielen: mutig, phantasievoll, nach vorne zum Tor! Ich würde es allerdings einmal einer nicht-europäischen Mannschaft gönnen!

    Frage: Nach der letzten Vorstellung der Schlossfestspiele 2010: Geht es für Sie künstlerisch „nonstop“ weiter oder ist dann erst einmal Urlaub angesagt?

    Sarah van der Kemp: Erst einmal Urlaub!

    Dann maximale Erfolge auf allen Bühnen dieser Welt!

    Die Fragen stellte Marko Michels.

    Fotos: Silke Winkler/ Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin. (mit freundlicher Genehmigung)

    Infos zu den Schlossfestspielen 2010: Premiere war am 25. Juni 2010 auf dem Alten Garten. Weitere Vorstellungs-Termine: 26. Juni bis 1. August 2010, jeweils donnerstags bis sonntags um 21 Uhr. Kartentelefon: 0385/5300–123; kasse@theater-schwerin.de / www.theater-schwerin.de

    Tags: Die Macht des Schicksals, Fußball-WM, Mecklenburgisches Staatstheater, Sarah van der Kemp, Schlossfestspiele, Verdi



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